Ausgabe 03.2011

Gewinner

Strukturwandel in Bitterfeld

Weg der Dreck

TEXT: MATHIAS RITTGEROTTFOTOS: FRANK SCHULTZE
Bildergallerie - Strukturwandel in Bitterfeld
Riesige Bagger haben sich einst durch die Landschaft gefressen. Heute stehen die Ungetüme im Freilichtmuseum Ferropolis.
Die Goitzsche ist aus dem gefluteten Restloch des Tagebaus entstanden. Die Seenlandschaft ist heute ein beliebtes Naherholungsgebiet.
Vor allem für Wassersportler ist der geflutete Tagebau ein Dorado.
Die Sovello AG ist eines von vielen Unternehmen aus der Solarbranche, die sich in Bitterfeld abgesiedelt haben.
Rund 3.000 Beschäftige haben in dem Hightechunternehmen, das unter anderem Siliziumscheiben und Solarzellen produzieren, einen Arbeitsplatz gefunden.
Auch die ehemalige Filmfabrik ORWO (Original Wolfen) hat, trotz zwei Insolvenzen nach der Wende, Fuß gefasst. Das Unternehmen druckt im Jahr über 300 Millionen Bilder.
Nachdem die digitale Fotografie auf den Markt kam, brachte die Investition in moderne Technik für das Traditionsunternehmen die Wende.
Bitterfeld ist zu einem wichtigen Industriestandort gewachsen. Zwölf Industrieparks bieten noch reichlich Platz für Expansion.

Marode Chemiefabriken und der Kohleabbau trugen Bitterfeld einst den Ruf der „dreckigsten Stadt Europas“ ein. Diese Zeiten sind vorbei. Die Stadt setzt auf Solartechnologie, aus den Kratern des Braunkohletagebaus entstand eine vorbildliche Seenlandschaft. Geschichte eines gelungenen Strukturwandels.

1. Teil: Grünen Industriestadt am See

An einem Sandstrand fläzen sich Sonnenhungrige in Liegestühlen, Badende juchzen. Am gegenüberliegenden Ufer des künstlichen Sees schützt ein Zaun die Lurche und Adler eines Landschaftsschutzgebiets vor Eindringlingen. Die Goitzsche liegt nur wenige Hundert Meter östlich des Bitterfelder Stadtkerns und ist in den wenigen Jahren ihres Bestehens zum beliebten Naherholungsgebiet der Einwohner geworden. Die Plätze in den beiden Yachthäfen sind so begehrt, dass es Wartelisten gibt. Mit 13 Quadratkilometern bietet die Goitzsche ausreichend Fläche und Buchten zum Segeln.

Angesichts der Idylle ist kaum zu glauben, dass genau dort, wo heute die Sonne im Wasser glitzert, vor nur 20 Jahren riesige Bagger Krater in die Landschaft rissen. Ihr Hunger nach Braunkohle verschlang fünf Ortschaften. Die Krater wurden anschließend zum künstlichen See Goitzsche geflutet. Dank ihr ist Bitterfeld nicht länger als die „dreckigsten Stadt Europas“ verschrien, hat sich stattdessen zur „grünen Industriestadt am See“ gewandelt.

Die Volkseigenen Betriebe (VEB) Bitterfelds mit insgesamt 50.000 Beschäftigten belieferten einst die DDR mit Kunstfasern, PVC, Nitratsalzen, Salpetersäure und Filmrollen. Mit der Bitterfelder Braunkohle wurde ein Großteil des Energiebedarfs Ostberlins gedeckt. Das industrielle Herz der Region zwischen Leipzig, Halle und Berlin schlug hier. Die Kehrseite des „Aufbaus des Sozialismus“ war freilich ein Wald aus Schloten, der nach Schwefel stinkende Abgase in den Himmel schickte. Einheimische frotzelten, sie gingen nur mit Motorradbrille aus dem Haus, um die Augen vor dem beißenden Ruß zu schützen. „Seh’n wir uns nicht in dieser Welt, so seh’n wir uns in Bitterfeld!“, dichtete man in der DDR über die graue, stinkende Tristesse.

Bitterfeld ist ein Gewinner,
kein Sieger.

Heute ist die Stadt, in der einst der Farbfilm Agfacolor erfunden wurde, wieder bunt geworden. In vielen kleinen Schritten und dank des Aufbaus neuer Branchen. Bitterfeld ist ein Gewinner, kein Sieger. Der Ort ist weit vom Glanz Leipzigs und von der touristischen Attraktivität des Berliner Umlandes mit seinen Seen entfernt und wird es wohl immer bleiben. Kein herausgeputztes Kleinod findet der Besucher hier, sondern eine eher spröde Kleinstadt. Wer kann, fährt auf der A 9 die 160 Kilometer weiter nach Berlin oder 50 Kilometer nach Leipzig, statt die Ausfahrt zu nehmen. „Der Mexikaner ist gut, der Grieche hat zu“, sagt die Dame am Hotelempfang und hat damit das Angebot an Restaurants bereits weitgehend aufgefächert. Der Aussichtsturm „Bitterfelder Bogen“, neues Wahrzeichen der Stadt, steht verlassen in einem Wäldchen. Zwischen Bitterfeld früher und heute lag ein langer und schmerzhafter Weg. „Wir waren stolz darauf, in Bitterfeld zu arbeiten“, sagt Peter Ulbricht, 58. Sein gesamtes Arbeitsleben hat er in der „Filmfabrik Wolfen“ verbracht, Kunden in der DDR und im gesamten Ostblock betreut. Dorthin hat der Volkseigene Betrieb Filmmaterial der Marke „ORiginal WOlfen“ geliefert, kurz: ORWO, das auch westdeutschen Fotografen ein Begriff war.

„Doch vom Renommee konnten wir uns nach der Wende nichts kaufen“, sagt Ulbricht, der heutige Geschäftsführer der Orwo Net AG. Er hat die wirtschaftliche Blüte der ORWO und die schwer erträgliche Umweltverschmutzung in der Region miterlebt. Und er hat den Absturz ertragen, der mit dem Ende der DDR einherging. Als 1989 im nahen Leipzig mit den Montagsdemonstrationen Geschichte geschrieben wurde und 1990 mit der Wiedervereinigung die Marktwirtschaft den Plan ablöste, brach rund um Bitterfeld die Wirtschaft zusammen. „Plötzlich sollte alles, was wir geleistet haben, nichts mehr wert sein“, erinnert sich Ulbricht. Von den einst 15.000 ORWO-Beschäftigten sind nach zwei Insolvenzen gerade mal 250 Arbeitsplätze übrig geblieben. Peter Ulbricht erinnert sich an trotzige Gedanken: „Irgendwas muss doch übrig bleiben!“ Tatsächlich klopften die Filmhersteller Agfa und Ilford an, prüften die Maschinen – und winkten ab, denn die Technik war hoffnungslos veraltet, der osteuropäische Markt existierte nicht mehr. Auf dem Weltmarkt vermisste niemand ORWO. Der Treuhand gelang daher nicht die Privatisierung. Nahezu alle Gebäude wurden abgerissen, auf einem Areal, das so groß ist wie ein ganzer Stadtteil. Nur einige Werkshallen blieben darauf stehen, Wildwiesen überwuchern heute den Rest.

ORWO teilte sein Schicksal mit den anderen Volkseigenen Betrieben. Nach der Wende waren zwei Drittel der Arbeitsplätze in der Region verloren gegangen, aus der Stadt Wolfen zog jeder zweite der einst über 40.000 Einwohner fort, tausende Wohnungen, vor allem Plattenbauten, wurden abgerissen. Heute leben rund 45.000 Menschen im Kreis Bitterfeld/Wolfen, Tendenz noch immer fallend, aber mit deutlich abgeschwächter Dramatik.

Der Strukturwandel hat dank Firmen wie ORWO längst eingesetzt. Die Chance bot die digitale Fotografie. ORWO stieg von der Filmproduktion auf den Druck von Digitalfotos um. Heute drucken sie über 300 Millionen Bilder im Jahr. Hinzu kommen Kalender und Fotobücher, bedruckte Tassen und T-Shirts. „Wir haben zum richtigen Zeitpunkt auf die neue digitale Technologie gesetzt“, sagt Ulbricht. Ironie des Schicksals: Dem Unternehmen hing nach dem Zusammenbruch keine Altlast aus der analogen Filmtechnik am Bein. Jüngst wurde das Unternehmen mit hundertjähriger Tradition für den „Deutschen Gründerpreis“ in der Kategorie „Aufsteiger“ nominiert, weil der Umsatz in den vergangenen Jahren um über 40 Prozent zulegte – Jahr für Jahr.

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