Passivhaussiedlung in Heidelberg
Häuser für die Zukunft
TEXT: MARKUS WANZECKFOTOS: HEINZ HEISS







Auf Heidelbergs ehemaligem Güterbahnhof entsteht die größte Passivhaussiedlung der Welt. Das Energiesparen bietet den zukünftigen Bewohnern der „Bahnstadt“ auf lange Sicht einen Gewinn in Cent und Euro. Dem Klima nutzt es schon heute.
1. Teil: Bahnstadt
Er schiebt die Brille auf den Kopf. „Freie Sicht“, sagt er strahlend. „Freie Sicht in den Südwesten, auf die grünen Felder des Pfaffengrundes.“ Das wird sie ihm bieten, jeden Morgen, jeden Abend. Andreas Haberkorn wandert mit dem kleinen Finger durch seine Wohnung, die es noch nicht gibt, die er aber stets bei sich trägt, als Skizze, im Geldbeutel, achtfach gefaltet: „Hier wohn ich bald.“ Haberkorn sitzt in einem Café am Hauptbahnhof. Nippt am Latte macchiato. Zieht an seiner Gauloises Menthol. Er kann es kaum erwarten.
Im Mai kommenden Jahres wird Haberkorn in die Bahnstadt ziehen, früher als alle anderen. Wenn die Wände noch kahl sind und der Boden ohne Parkett. Er wird in Eigenregie fertig bauen, eine zusätzliche Schallschutzwand einziehen. Das kostet Geld und Platz. Aber der Aufwand ist es ihm wert: „Ich möchte meine Ruhe haben. Und ich möchte niemanden stören.“ Ein schwarzer Steinway-Flügel wird das Herz seines Zukunftszuhauses bilden. Haberkorn ist Musiklehrer. Vor 15 Jahren hat er sich selbständig gemacht, heute ist er Inhaber der Freien Musikschule Heidelberg mit 26 Lehrern. „In der Bahnstadt werden wir eine Filiale eröffnen“, sagt er. Er wittert dort ein „tolles Potenzial“. Junge Akademiker. Gutsituierte Familien mit Kindern. Kann man sich alle gut am Klavier vorstellen.
Das Gebiet, auf dem die Bahnstadt emporwächst, liegt jenseits der Gleise, direkt hinter dem Hauptbahnhof. Bis 1997 rangierten hier die Güterzüge. Als sie verschwanden, kamen Eidechsen, Vögel, Bienen. Bis 2022 soll hier ein komplettes zweites, modernes Zentrum entstehen. Als Gegengewicht zur Altstadt, durch die sich jährlich mehr als drei Millionen Touristen schieben. Und als Entlastungsmaßnahme für den arg beengten Heidelberger Wohnungsmarkt: Etwa 5.000 Menschen sollen einmal hier wohnen.
Einige Superlative eilen der Bahnstadt voraus. Mit 116 Hektar ist sie eines der größten innerstädtischen Entwicklungsprojekte Europas, neben der Hamburger HafenCity. Und sie ist das größte Passivhaus-Baugebiet der Welt. Ein Haus gilt als Passivhaus, wenn es mit weniger als 15 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr fürs Heizen auskommt, das entspricht etwa 1,5 Litern Heizöl im Jahr. Bestehende Wohngebäude haben im Schnitt einen mehr als zehn Mal so hohen Heizverbrauch. Manche Passivhäuser – auch in der Heidelberger Bahnstadt – verzichten sogar ganz auf eine Heizung.
Heidelbergs Stadtplaner errichten mit der Bahnstadt ein Musterstädtle in Sachen Energieverbrauch. Eine architektonische Win-win-win-Symbiose für die Umwelt, für das Image der Universitätsstadt als Innovationsstandort und für die künftigen Bahnstädter, die mit überaus überschaubaren Wohnnebenkosten rechnen können.
Haberkorn fährt rüber in die Bahnstadt. Drei Minuten mit dem Auto vom Hauptbahnhof. Nach der Montpellier-Brücke rechts ab. Der Pfeil auf dem Navigationsgerät wandert ins Nichts. Die Straßen des Viertels sind noch ohne Asphalt und Namen. Haberkorn wird einmal in der Rehovotstraße wohnen, benannt nach Heidelbergs israelischer Partnerstadt. „Da drüben steht ein altes Stellwerk, das soll erhalten bleiben“, sagt er, einhändig steuernd, einhändig zeigend. Dort: die neue Feuerwache. Und da hinten: „Das wird meins.“


