Interview mit Heide Simonis
„Einer meiner Vorfahren muss ein Straßenköter gewesen sein“
Heide Simonis ist besorgt. „Stolpern Sie bitte nicht, ich mache gerade Platz für meine neueste Eroberung“, begrüßt sie mich gleich an der Tür zu ihrer großzügigen Kapitänswohnung an einem Teich in der Kieler Innenstadt. Mattes Sonnenlicht fällt auf Regale voller Gläser und Porzellan, auf Gemälde und Lampen – wie in einem Museum. Sichtlich stolz führt Heide Simonis, Volkswirtschaftlerin, langjährige Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins und leidenschaftliche Flohmarktkäuferin, zu einem japanischen Teeservice auf einem Flügel. „Für 20 Euro ergattert, vergangenes Wochenende“, sagt sie und hält das dünne Porzellan gegen das Licht.
1. Teil: Ich bin ein Sonntagskind
Frau Simonis, sind Sie mehr Jägerin oder mehr Sammlerin?
Eindeutig Sammlerin, ich habe sogar eine echte Sammelwut. Wenn mir ein tolles Stück vor der Nase weggeschnappt wird, verfalle ich dennoch nicht in tagelange Trauer. Ja, ich bin auf der Suche nach Kleinoden zu kleinen Preisen – aber nur, weil ich mich daran erfreuen will.
Man sagt Ihnen einen gewissen Jagdtrieb nach bei Ihren Streifzügen auf den Flohmärkten …
... na ja. Natürlich geht es ums Gewinnen und daheim dann ums Hurraschreien. Aber wer sich ärgert, der nimmt sich die wahre Freude am Sammeln.
Sind Sie ein Gewinnertyp?
Ich denke schon. Auf jeden Fall bin ich ein Sonntagskind mit der Begabung, mit geringem Aufwand ein großes Ergebnis zu erzielen. Mir fliegt vieles einfach zu. Das war selbst bei der politischen Karriere so. Ich habe nie hart um einen Posten kämpfen müssen. Es hieß oft: „Sie ist eine Frau. Wir brauchen Frauen. Und sie kann drei Sätze hintereinander sagen, ohne zu straucheln.”
Entschuldigung, aber als Sie 1976 einen konservativen Wahlkreis eroberten und als jüngste Abgeordnete in den Bundestag zogen, überzeugten Sie die Wähler doch nicht allein mit drei stolperfreien Sätzen.
Wohl nicht. Aber es war auch viel Glück im Spiel. Ich hatte den Wahlkreis damals mit nur vier Stimmen Vorsprung gewonnen. Aber ich habe auch eine Art, die Leute zu packen und sie dazu zu bewegen, sich mit mir auseinanderzusetzen. Da war also etwas, was die verblüfften Schleswig-Holsteiner an der Rheinländerin Heide Simonis spannend fanden.
Was wäre denn gewesen, wenn Sie diese Wahl nicht gewonnen hätten?
Dann wäre mein Leben wohl völlig anders verlaufen. Dann hätte ich mich in einem Unternehmen engagiert oder bei den Gewerkschaften. Nach der Wahl aber hatte ich Gefallen an Wahlkämpfen gefunden. Ging dann ja auch lange Zeit gut, bis zur letzten Wahl 2005 ...
... als ein anonymer Abgeordneter aus den eigenen Reihen Ihnen in vier Wahlgängen im Landtag die Stimme verweigerte, Sie folglich nicht wiedergewählt wurden.
Das hat mich voll erwischt. Diese Niederlage kam überraschend und war so hinterhältig. Wer rechnet denn mit sowas? Diese Einzelhandlung wird ein Rätsel bleiben, bis der Rückenschütze aus dem stillen Kämmerlein tritt und sich öffentlich erklärt.

