Ausgabe 03.2011

Gewinner

FC St. Pauli

Schlechte Sieger, große Gewinner

Bildergallerie: FC St. Pauli
Der Traditionsverein FC St. Pauli gilt als „Fahrstuhlverein“: Er pendelt zwischen der Ersten und Dritten Liga auf und ab. Im Herzen seiner Fans bleibt er trotz vieler Niederlagen erstklassig.
Das St. Pauli-Eck liegt an der Ecke Simon-von-Utrecht-Straße/Hein-Hoyer-Straße. Hier kommen alteingesessene Fans wie Horst her, um mit ihrem Verein mitzufiebern.
Das geht ja gut los: Urgestein Horst und Kneipenwirtin Brigitte beim 1:0 für Aachen: „Oooch, nicht schon wieder!“
12. Minute, der Ausgleich für den FC St. Pauli. „Sauber, fertigmachen zum Jubeln.“
45. Minute: St. Pauli geht mit 2:1 in Führung. Jetzt bloß nicht nachlassen.
Halbzeit: ein Astra für René aus Asse.
St. Pauli im Herzen: Kneipenwirtin Brigitte war schon als Baby im Stadion und eine Zeitlang auch Pächterin des Vereinsheims. Den Totenkopf, das Vereinszeichen, trägt sie als Kette um den Hals und als Tattoo auf dem rechten Oberarm.
Guck genau hin: Die St. Pauli-Fans unterscheiden genau zwischen echten St. Paulianern und Trend-Fans. Die waren mit dem Abstieg in die Zweite Liga gleich wieder verschwunden.
55. Minute: Die Spannung steigt. Kann St. Pauli die Führung halten? „Ich guck da nicht mehr hin.“
91. Minute, Nachspielzeit: Kai und sein Kumpel nach dem 3:1: „Das ist Rock ‘n‘ Roll.“ Kai besitzt drei Dauerkarten. Verkauft wird keine, sie werden vererbt.
Die Fans feiern bis in die Nacht, weil sie gewonnen haben. Sogar zweimal: St. Pauli hat nicht nur gewonnen, sondern der HSV auch gegen Dortmund verloren. „Darauf einen Kümmel.“
Ein Auf und Ab seit 1910: Fünfmal hat es der FC St. Pauli in die Erste Liga geschafft, immer nur ganz kurz, dann stieg er wieder ab. Die Fans sind sich einig: kein Siegerverein – aber einer mit Größe.

Der FC St. Pauli ist ein besonderer Club: Für seine Fans kommt es mehr auf die Haltung denn auf Siege an. Ein Fußballabend in der Fankneipe St. Pauli Eck.

1. Teil: Ein Verein mit Größe

Freitag, 18 Uhr, kurz vor Anpfiff, FC St. Pauli gegen Alemannia Aachen. Das erste Ligaspiel der Saison, knapp drei Monate nach der 1 : 8-Niederlage gegen Bayern München, die den Erstligisten Pauli nach nur einer Saison zurück in die Zweite Liga erniedrigte. Trotzdem sind 23.500 Fans ins Millerntor-Stadion in der Nähe der Reeperbahn gekommen, ein paar Hundert sitzen in den Bars des Viertels und eine Handvoll im St. Pauli Eck, einer dieser Kneipen, in denen in jeder Ecke Patina aus Rauch und Leben klebt.

Im St. Pauli Eck hat sich das St. Pauli versammelt, das sich für das „echte“ hält und von den sanierten Cappuccino-mit-Milchschaum-Ecken abgrenzt. Dort, sagen sie, hätten in der vergangenen Saison die Erstligafans gesessen, die nur so lange da waren, wie der Verein richtig gut gespielt habe. Die Trend-Fans, die sie hier nicht leiden können, die Crema auf dem Kaffee. Im St. Pauli Eck dagegen sitzt der Kaffeesatz des Vereins: stark, herb, körnig.

Für sie ist der FC St. Pauli nicht nur ein Fußballverein, sondern eine Lebenseinstellung. Eine Haltung. Herzblut. „Da ist man Fan von, weil man hier aufgewachsen ist“, sagt Horst. Weil man kein echter St. Paulianer sein kann, ohne den FC zu lieben.

St. Pauli ist kein Siegerverein,
aber einer mit Größe,
der auch dann bejubelt wird,
wenn er wieder mal verloren hat.

Horst, 72, ist das Urgestein hier, der Ur-Fan. Er trägt Brille und eine graue Opa-Windjacke und sitzt auf dem zweiten Hocker von links an der Bar, eine Handbreit entfernt vom Zapfhahn. Hinter dem steht Brigitte, die Stimme rauchig wie ein Auspuffrohr, Netzstrümpfe, Minirock, eine Frau mit Mut und Herz, sagen ihre Gäste. Vor ein paar Jahren hat sie sich einen Totenkopf auf den rechten Oberarm tätowieren lassen und ein Herz auf den linken. „St. Pauli, you’ll never walk alone“ steht in der Banderole. Brigitte schenkt Korn aus. Den dritten für Horst.

Brigitte war schon als Baby im Stadion, eingewickelt in eine Decke, später Bedienung im St. Pauli Vereinsheim, noch später dessen Pächterin. Mehr als zwölf Jahre lang. Sie sei die schnellste Bedienung der Welt gewesen, sagen sie hier, ein Wahnsinnsweib. Dann hat sie am Millerntor zugemacht und hier wieder auf, Ecke Simon-von-Utrecht- / Hein-Hoyer-Straße.

Hinten links sitzt René, kantiger Kopf, Metallkette um den Hals, der eigentlich aus Asse kommt und immer eine gefaltete Deutschlandkarte in seiner Brusttasche hat, weil kein Mensch weiß, wo Asse liegt. Neben Horst an der Bar sitzt Christian, 44, Wachkoma-Pfleger, der gar nicht lange bleiben wollte und sich dann doch um kurz vor Mitternacht noch einen Kümmel bestellen wird, weil sie an diesem Abend gewonnen haben. Sogar gleich zweimal. Einmal gegen Aachen und einmal, weil der HSV, dieser „Retortenverein“, dem „die Stadt das Geld in den Hintern bläst“, gegen Dortmund verloren hat.

Meistens sitzt da auch Werner, Handwerker. Werner erzählt gern, wie er in den Neunzigern im Stadion stand, Pauli gegen Rostock, 0 : 1-Niederlage, und es goss wie aus Kübeln, so sehr, dass die Leitung das Spiel für 20 Minuten unterbrochen hatte. Zwei Drittel der Fans seien gegangen, sagt Werner. Er nicht. Er stand wie festgemauert unter der Gegengerade, mit triefenden Haaren und klatschnasser Lederjacke. Wildleder, schwarz. Zwei Tage lang habe er den Lederjackenabdruck auf den Armen und dem Rücken getragen. Hatte durchs T-Shirt gefärbt. „Aber ich bin geblieben. Bis zum Ende.“ Wenn der Verein im Regen steht, dann stellt sich Werner daneben.

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