Ausgabe 03.2011

Gewinner

Der Traum vom All

Zu den Sternen!

TEXT: BERND HAUSERFOTOS: UFFE WENG
Bildergallerie: Der Traum vom All
Kristian von Bengtson schweißt an der neuen Kapsel „Tycho Brahe Deep Space“. Er ist überzeugt: „Jede Flughöhe ist vorstellbar.“
Das Projekt finanziert sich zum Großteil über private Spenden. 2010 spendeten hunderte von Privatleuten über 650.000 Kronen (87.000 Euro). Geld für einen Geschirrspüler ist trotzdem keins übrig.
Peter Madsen hat sein Ingenieurstudium nie beendet und sich vor dem Raketenprojekt als U-Boot-Konstrukteur einen Namen gemacht.
Die Konstrukteure sind als Redner gefragt: Dabei geht es weniger um Raketentechnik als um Organisation und Motivation.
Die Antriebseinheit „HEAT-1X“ ist gefüllt mit 500 Kilogramm Gummi und 500 Liter flüssigem Sauerstoff.
In fünf bis zehn Jahren soll es zu den Sternen gehen. Familienvater von Bengtson lässt seinem Kollegen Madsen den Vortritt. Sein Astronauten-Vorbereitungsprogramm: „Ich fahre einen halben Tag lang Achterbahn.“
Der alte Wellblechhanger einer ehemaligen Werft wirkt auf den ersten Blick unscheinbar ...
... aber er hat es in sich: willkommen im dänischen Weltraumzentrum „Horizontal Assembly Building“.
Peter Madsen (links) und Kristian von Bengtson arbeiten an ihrem Traum: Sie wollen Dänemark zur vierten Nation machen, die bemannte Raketen ins All schießt.
Architekt Kristian von Bengston hat fünf Jahre lang für die NASA gearbeitet, dann wurde das Projekt eingestellt. „Alle Arbeit für den Papierkorb“, sagt er. „In unserem eigenen Raumprojekt treffen wir unsere Entscheidungen selbst.“
Die Materialien kaufen Madsen und von Bengsten im Eisenwarenladen oder Baumarkt ein. Korkplatten sind zum Beispiel ein guter Hitzeschild.
Die Konstruktionsfehler der ersten Rakete – „Tycho Brahe“ – wurden in den Plänen behoben: Einem eingebauten 10-Euro-Haarfön war beim Testlauf der Batteriestrom ausgegangen.

Zwei Tüftler aus Kopenhagen haben ihr privates Raumfahrtprogramm begonnen. Mit Material aus dem Baumarkt. Der Jungfernflug ihrer Rakete war im Juli, noch mit einem Dummy im Cockpit. In fünf bis zehn Jahren will einer der Erfinder selbst drin sitzen. Dutzende Techniker helfen den Tüftlern in ihrer Werkstatt mit unbezahlter Arbeit. Tausende von Unterstützern überweisen Geld für den Traum vom dänischen Weltraumwunder.

1. Teil: Das ist kein Gag

Die Explosion war noch in der Innenstadt zu hören. Wie Donner grollte sie von einer stillgelegten Werft im Hafen herüber. Dort nieteten und schweißten einst Tausende von Arbeitern an Ozeanriesen. Heute wachsen Disteln aus dem rissigen Beton, und Böen jagen jähzornig über das menschenleere Gelände. Nur in einem kleinen Hangar aus rostigem Wellblech ist Leben. Von dort kam der ungewollte Salutschuss an die Kopenhagener: Vor dem Hangar führten Peter Madsen und Kristian von Bengtson einen Test mit dem Antrieb einer selbst konstruierten Flüssigkeitsrakete durch. Die Zündung erfolgte nicht zum richtigen Zeitpunkt, und: bumm!

Ein weiterer Rückschlag. „Besonders ärgerlich, weil auch teure Messinstrumente in die Luft flogen“, erklärt Peter Madsen. Aber gab es Rückschläge nicht immer in der Geschichte der Menschheit, wenn große Ideen in die Tat umgesetzt wurden? Dass sein Land für die Kleine Meerjungfrau bekannt ist, aber nicht für große technische Wunderwerke, ärgert Madsen, der kein klassischer Gewinnertyp ist, aber voller Ehrgeiz steckt. Er und sein Kompagnon wollen „im täglichen Tun möglichst viel Spaß und Freude haben“ und gerade deshalb ein anscheinend irrwitziges Ziel erreichen: das kleine Dänemark zum vierten Land machen, das bemannte Raumfahrzeuge ins Weltall befördern kann. Nach den USA, Russland und China.

Vor drei Jahren fanden sich die beiden zu ihrem Projekt „Copenhagen Suborbitals“ zusammen. Die Absicht: Peter Madsen soll in einem Raumfahrzeug auf 100 Kilometer Höhe geschossen werden. „Ich habe zwei Kinder. Es wäre schwierig, meine Frau zu überzeugen, dass ich der Erste sein soll“, sagt Kristian von Bengtson. „Also lasse ich Peter den Vortritt.“

Sie mieteten den Wellblechhangar und tauften ihn „Horizontal Assembly Building“, abgekürzt HAB. Von Bengtson entwarf ein imposantes Logo mit einem lateinischen Wahlspruch, mit dem er seither auch seine Briefe unterschreibt: „Ad Astra“ – „Zu den Sternen!“ Dann fuhren sie in den Eisenwarenladen und in den Baumarkt und kauften sich die Bauteile. Zum Beispiel Korkplatten als Hitzeschild. „Kork ist ein fantastisches Material“, schwärmt von Bengtson. „Das hält mehr als 1.000 Grad Celsius aus.“

„Jeder Tag bringt eine neue Herausforderung, jeden Tag lernen wir dazu – fantastisch!“

Meinen die das wirklich ernst? „Das ist kein Gag. In fünf bis zehn Jahren wird es so weit sein, dass Peter in der Rakete sitzt“, sagt von Bengtson. Peter Madsen hat sein Ingenieurstudium nie beendet, aber er ist bekannt als U-Boot-Konstrukteur. Drei submarine Fahrzeuge hat er selbst entworfen und gebaut. Seine „UC 3 Nautilus“, ein neben dem HAB aufgebockter 40-Tonnen-Stahlkoloss, ist das größte privat gebaute U-Boot der Welt. Von Bengtson, studierter Architekt, hatte fünf Jahre lang für das Mondfahrprojekt Constellation der NASA die Inneneinrichtung von Raumfahrzeugen entworfen. Das Projekt wurde von US-Präsident Obama mittlerweile gestoppt. „Alle Arbeit für den Papierkorb“, sagt von Bengtson. „In unserem eigenen Raumfahrtprojekt dagegen treffen wir unsere Entscheidungen selbst, sind für alles selbst verantwortlich.

Nach Dutzenden von Strahl-Tests beim HAB unternahmen sie im Juni 2010 in der Ostsee den ersten Startversuch mit ihrer „HEAT-1X-Tycho Brahe“. Zwei Tonnen wiegt das neun Meter lange Fluggerät. Oben im Mikro-Raumschiff „Tycho Brahe“ steht „Rescue Randy“, der Dummy, aufrecht in der Röhre und schaut durch eine Plexiglaskuppel. Die Antriebseinheit „Heat-1X“ besteht aus 500 Liter flüssigem Sauerstoff, der über Kanäle in den darunter liegenden 500-Kilogramm-Block aus synthetischem Spezialgummi geleitet wird, „auf dass dort die Hölle ausbricht“, wie von Bengtson sagt.

Der Astronom Tycho Brahe, ein Zeitgenosse Johannes Keplers, war der einzige Däne, der über seine Beschäftigung mit dem Weltraum berühmt geworden war, bis Madsen und von Bengtson die internationale Presse in die Gewässer vor der Insel Bornholm einluden: Ein ganzes Land starrte auf die Eigenbau-Abschussbasis Sputnik, die von der „Nautilus“ in Position bugsiert worden war.

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