Bruttoinlandsprodukt
Die Suche nach der Superzahl
TEXT: MATHIAS BECKER

Immer mehr Ökonomen fordern, den Wohlstand eines Landes nicht mehr nur am Bruttoinlandsprodukt (BIP) abzulesen. Alternativen kommen immer zahlreicher auf den Tisch und machen gerade durch ihre Fülle die Einigung auf einen Vorschlag schwer.
Vom gewitzten Schüler-Unternehmer bis zum erfolgreichen Mittelständler: Wer das Land voranbringt, hat Chancen auf eine Auszeichnung. 536 Wirtschaftspreise gibt es in Deutschland – aber keinen einzigen für Einbrecher. Dabei sind die Fleißigen unter ihnen wahre Wirtschaftsmotoren: Wo sie zu Besuch waren, werden Fensterscheiben ersetzt, Alarmanlagen installiert und neue Fernseher gekauft. Das Bruttoinlandsprodukt kommt in Fahrt. Auch Unglückskapitäne gehen bei der Preisvergabe leer aus. Dabei wäre eine Tanker-Havarie auf der Nordsee ein Segen fürs BIP! Nicht unbedingt vor Sylt – zu viele Strandlokale. Eher auf Höhe der Elbmündung, wo es weniger Touristen gibt. Kilometerweise Salzwiesen von Öl zu reinigen, würde dem Wohlstandsindikator Nummer eins Flügel verleihen.
Die Bilder verraten, was die Zahl verschweigt: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein trügerischer Wert: Er verbucht jede wirtschaftliche Transaktion auf der Habenseite – und weist so als Plus aus, was Mensch und Umwelt schadet. Umgekehrt ist er für vieles, was das Leben lebenswert macht, blind. Sozialer Frieden, gute Schulen, eine intakte Umwelt, engagierte Ehrenämtler, glückliche Ehen: Was auf keinem Quittungsblock erscheint, findet für das BIP nicht statt. So verwandelt der Indikator Verluste in vermeintliche Gewinne, während er echte Gewinne ignoriert. Lebensqualität? Fortschritt? Nachhaltigkeit? Das BIP kennt nur Umsätze.
Lebensqualität?
Fortschritt?
Nachhaltigkeit?
Das BIP kennt nur Umsätze.
Dass die Zahl zu kurz greift, ist keine neue Erkenntnis. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Simon Kuznets warnte schon 1934 vor einem falschen Verständnis seiner Erfindung: „Das Wohlergehen einer Nation kann wohl kaum aus dem Nationaleinkommen gefolgert werden.“ Doch seine Erben schenken dieser Warnung wenig Beachtung. Wenn’s um einen Stärkevergleich von Volkswirtschaften geht, bemühen Ökonomen, Politiker und Journalisten mit Inbrunst das BIP. Es weist in der Tat auch einen großen Vorteil auf: Das Maß aller Dinge beim BIP sind die vorhandenen und leicht zugänglichen Preise von Waren und Dienstleistungen.
Zugleich mehren sich in den letzten Jahren die Versuche, das BIP-Diktat zu durchbrechen. „Frankreich wird dafür kämpfen, dass alle internationalen Organisationen ihr Statistiksystem ändern“, kündigte der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Jahr 2008 an. Die neuen globalen Herausforderungen wie der Klimawandel und eine Reform des Kapitalismus seien mit der „Religion der Ziffern“ nicht zu lösen. Ein Jahr später legte die Kommission, der auch die Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen angehörten, einen 300-seitigen Bericht vor. Sie forderte insbesondere Merkmale wie soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit in einem neuen Wohlstandsindikator zu berücksichtigen. „Die Finanzkrise hat bewiesen, dass die Wohlstandsmessung in den USA falsch war“, begründete Joseph Stiglitz den Vorstoß. „Die ausgewiesenen Nutzen stimmten nicht. Die Investitionen auch nicht. Alles war falsch.“ Praktische Konsequenzen hatte der Bericht bisher nicht mal in Frankreich: Das Land misst seinen Wohlstand weiterhin mithilfe des BIP.
Auch der Deutsche Bundestag hat sich des Problems der Wachstumsmessung angenommen und die Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt. Dass dabei jedoch tatsächlich ein neuer amtlicher Index entstehen wird, hält Professor Gert Wagner, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und selbst Mitglied der Kommission, für unwahrscheinlich: „Dafür müsste man die einzelnen Faktoren gewichten“, sagt Wagner. In einer Demokratie sei es aber undenkbar, dass eine Behörde entscheide, was den Vorrang habe: Sozialpolitik oder Umweltschutz, Bildung oder Gesundheit. Dennoch sei es wichtig, so Wagner, sich auf aussagekräftige Indikatoren etwa zur Umweltqualität, zur Nachhaltigkeit oder zum Verbraucherschutz zu einigen. „Aus diesen Teil-Realitäten kann sich dann jeder seinen eigenen Index konstruieren.“
Doch wie gut es einem Land geht, ist nicht nur eine Frage des politischen Standpunkts. Auch das persönliche Empfinden der Bürger spielt eine Rolle. Das erste Land, das sich diese Erkenntnis zunutze gemacht hat, ist Bhutan in Südostasien. 1972 hatte die Financial Times die wirtschaftliche Entwicklung des Königreichs kritisiert. König Jigme Singye Wangchuk antwortete: „Fortschritt sollte sich an den Menschen orientieren“ – und ersetzte das BIP als zentrale Maßzahl für sein Land kurzerhand durch das „Bruttoglücksprodukt“. Der in Umfragen ermittelte Wert ergab: Die Bhutaner sind arm, aber glücklich. Für internationale Vergleiche ist er kaum geeignet, denn unter den 290 Fragen finden sich auch solche: „Wie oft meditieren Sie?“ Oder: „Pflanzen Sie Bäume vor Ihrem Haus?“
Und doch würden Wissenschaftler dem Grundgedanken hinter dem Bruttoglücksprodukt zustimmen: Geld allein macht nicht glücklich. Das gilt gerade in den Industrieländern. Zahlreiche Studien haben ergeben: Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, führt mehr Reichtum nicht zu mehr Glück. Aber was macht uns glücklich?
Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, lässt sich die britische Regierung von dem Soziologen David Halpern beraten. Ihm zufolge sind wir in einer Tretmühle gefangen: Haben wir ein Statussymbol erworben, wartet das nächste auf der Wunschliste – unser Streben nach Gütern gleicht dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Hinzu kämen die Nebenwirkungen eines ungleich verteilten Wohlstands: Arbeitslosigkeit und Kriminalität bei einem Teil der Bevölkerung, Stress im Beruf und dadurch bedingte höhere Scheidungsraten bei dem andern. „Das Statusdenken“, so Halpern in einem Interview mit der ZEIT, „ist Gift fürs Gemüt.“ Der Glücksforscher plädiert dafür, Unglücklich-Machern ebenso einen Wert zuzuweisen wie Glücklich-Machern. „Die Berechnungen sind kompliziert“, so Halpern. „Aber wenn zum Beispiel Ihre Ehe in die Brüche geht, fühlen Sie sich, als würde man Ihr Gehalt um rund 23.000 Euro kürzen.“ Das Gedankenspiel verdeutliche, wie gering der Einfluss des Einkommens auf die Zufriedenheit sei, verglichen mit dem Wert einer guten Partnerschaft. Die Bedeutung von Beziehungen werde oft unterschätzt, sagt Halpern. Stabile Eltern-Kind-Bindungen, ein guter Kontakt zu den Nachbarn oder Fairplay im Sportverein: Ein gutes Miteinander sei der Schlüssel zum Glück.
Vielleicht können wir uns doch den Wirtschaftspreis für tüchtige Einbrecher sparen – schließlich fallen auch kaputte Fensterscheiben im Vergleich zu gekitteten Beziehungen kaum ins Gewicht. Rosenverkäufer und Eheberater dagegen sind bisher viel zu wenig mit Auszeichnungen bedacht worden.
